Wir schreiben das Jahr 2015.
Knapp 18 Jahre nach dem RPG, welches die das Genre jRPG im Westen über Nacht so populär gemacht hat wie es einst Kampf- oder Rennsimulationen waren zeigt Square Enix auf der E3 einen Trailer, den viele nicht für möglich gehalten haben.
Es wurde während der PS3 Ära viel über ein Remake von Final Fantasy VII gesprochen, Fans haben sich ausgemalt wie zB Midgar, Wutai oder der Cosmo Canyon aussehen würden. Wie schaut es mit diversen heutzutage politisch fragwürdigen Szenen aus? Kann man das so bringen?
Auf der E3 platze aber die Bombe und die Spielerschaft war außer sich. Die gezeigten Szenen sahen umwerfend aus, besser als man es je für möglich gehalten hat. Im Zuge dessen entstand ein großer Hype, weitere Spielszenen in den darauffolgenden Jahren führten dazu, dass ich den Tag des Releases kaum erwarten konnte.
Und dann sprach Square Enix leider etwas aus, was niemandem gefallen hat: Es handelt sich nur um einen Teil des Originals. Kein vollständiges FF VII, welches in Midgar anfängt und im Nordkrater endet, keine Aerith Todesszene, keine Meteor welcher auf die Welt zurast und kein Hojo, welcher sich in Costa Del Sol am Stand sonnenbadet. Und trotzdem spricht SE von einem vollständigen Spielerlebnis.
Fakt ist: Ja, das Spiel kann als komplettes Werk durchgehen.
Storymäßig erlebt der Spieler den Anfang des Originals bis zur Flucht aus Midgar. Hier und da werden ein paar neue Handlungsstränge hinzugefügt, das Spiel wird gestreckt, durch neue Locations und Dungeons erweitert und macht von der Linearität einem FF X gut Konkurrenz. Aber um fair zu bleiben: Linear war das Original in den ersten Stunden auch. Man watschte durch die Sektoren, die Reaktor Missionen, den Zugfriedhof, den Wallmarkt usw. Dem Remake die Linearität als Negativpunkt anzukreiden ist nicht fair.
Ich sehe das Remake als eine Art “Herr der Ringe”. Auch hier kann man, Peter Jackson sei Dank, das gesamte Werk auf drei Teile aufteilen ohne das der Zuschauer nach dem Kinobesuch enttäuscht von der Handlung oder der Länge war.
Was aber absolut mindfucking ist die Tatsache, dass Square Enix sich auf extrem dünnem Eis begibt was die Story angeht. Nicht von ungefähr kam die Spoilerwarnung vom Entwickler mit Release daher. Nur soviel: Allem Anschein nach möchte SE hier kein reinrassiges Remake auftischen, sondern eine Neuinterpretation der allseits bekannten Geschichte. Ein komplett anderer Ausgang als im Original ist ebenso vorstellbar wie auch das Überleben einer Schlüsselfigur. SE hat uns Spieler fast schon getrollt, neue Möglichkeiten sind vorhanden und ich bin gespannter als noch am Anfang was denn nun folgt. Der Grat zwischen Genie und Wahnsinn war in der Videospielbranche wahrscheinlich nie höher.
Wahnsinn ist auch Midgar. In der Zeit, in der Ich spielte wurde ich durch die Schiere Größe und der Platte über mir immer daran erinnert wie besorgniserregend aber auch wuchtig Midgar heute noch wirken kann.
Während die Menschen auf der Platte ein sorgenfreies Leben führen, herrscht unter eben dieser Armut, Schatten und teilweise Anarchie. Diese Situation und die Tatsache, dass Shinra, ein Multitechnologiekonzern den Lebenssaft des Planeten, das Mako, mittels Reaktoren aus der Erde zur Energiegewinnung zieht, ruft natürlich auch Widerstand auf den Plan. Avalanche kann man getrost also als Umweltterroristen bezeichnen, welche sich zur Aufgabe gemacht haben dem Shinra Konzern durch Sabotage und Anschläge die Makoförderung auszutreiben. Genau hier startet die Geschichte, wie damals 1997. Ich übernehme also die Rolle von Cloud, einem Söldner und Ex-Soldat (Spezialeinheit Shinras) und verbünde mich mit Barett, Tifa und Co. um den ersten Reaktor in die Luft zu jagen. Nach und Nach wird das Söldnertum Clouds durch Überzeugung ersetzt, Shinras Methoden werden erschreckender, ein Blumenmädchen aus den Slums schließt sich der Gruppe an. Die ganze Dynamik welche die Story hergibt wurde im Remake sehr gut dargestellt. Das liegt zum einen an der Charakterentfaltung welche hier anders als im Original nicht in 7 Stunden abgefrühstückt ist sondern Zeit benötigt und dementsprechend auch liefert. Aerith möchte ich als große Überraschung loben. Selten hat man in jRPGs einen Charakter so herzerwärmend, süß und freundlich gesehen wie Sie. Man möchte Ihre Synchronsprecherin, Ihre Motion Capture Darstellerin und SE persönlich dafür loben so eine gelungene Interpretation erschaffen zu haben. Aber auch die anderen Charaktere können absolut überzeugen. Barett wird herrlich überzeichnet dargestellt, Tifa hat mit Ängsten zu kämpfen, Jesse, Wedge und Biggs haben nun endlich Profil bekommen. Auch auf der Antagonistenseite sieht vieles sehr richtig aus. Die Turks sind genau so wie ich es mir vorgestellt habe, Sephiroth stellt überzeugend die Bedrohung dar und alle Persönlichkeiten der Shinra sind perfekt getroffen. Einen Heidegger möchte man hassen, eine Scarlett vergöttern. Hojo ist der Wahnsinn in Person und Direktor Shinra ein menschliches Arschloch. Genau so SE! Und wer dachte die 1997er Darstellung von Don Corneo kann nicht übertroffen werden. DOCH! Und wie…
Das Grundgameplay ist überraschend nah am Original, was mich natürlich freut.
Durch die Straßen der Slums bewege ich mich als Cloud mal schneller, mal langsamer, klettere Leitern rauf, löse kleinere Puzzles und erledige Nebenaufträge. Diese sind anders als bei West RPGs nicht ausufernd hinsichtlich Entscheidungsmöglichkeiten oder Anspruch, dienen aber einer netten Abwechslung um sich vom Hauptverlauf abzulenken. Manche Quests sind von der Qualität eher schwach, andere lassen das Herz aufgehen. So wird das komplette (damals für mich nervige) Suchspiel nach Parfüm, Perücke und Co. auf dem Wallmarkt als Nebenquest “ausgelagert”. Natürlich kann man das Remake durchspielen ohne eine separate Quest zu erledigen, die Belohnungen machen aber die Arbeit aber wieder wett.
Die Entscheidung wie man FF VII also spielt liegt an den Spieler. Das zeigt sich auch in Sachen Waffenmodifikation. Die verschiedenen Waffen haben unterschiedliche Fähigkeiten/Attacken welche es durch Gebrauch zu erlernen gilt. Erst nach Erlernen kann man die Fähigkeit auch mit Wechseln der Waffe weiter nutzen ähnlich dem Magie/Zaubersystem aus FF IX. Neu hingegen ist die Möglichkeit die Waffe aufzuwerten. Ähnlich wie beim Kristallsystem von FF XIII können Attribute wie Schadenssteigerungen oder HP Erhöhung mittels Punkte erkauft werden. Entweder macht man dies selber oder lässt das Spiel automatisch machen um sich darum nicht zu kümmern.
Das Materiasystem ist für mich immer noch eines der Besten des gesamten Reihe und des Genres. Mittels Kugeln werden Zauber, Esper, Hilfs- und Zustandseffekte gekoppelt und im Kampf eingesetzt. Mittels EXP steigen die Zauber Stufen auf und die Wirkung wird verstärkt. Einfach gelöst aber mit zig verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten.
Das ATB als Hauptmöglichkeit in Kämpfen zu agieren ist in veränderter Form zurück. Jeder Schlag/Schuss/Schwertstreich lädt die Leiste des Balken auf. Ist dieser voll kann eine Fertigkeit, ein Zauber oder ein Item genutzt werden. Das Ganze muss man sich wie eine Mischung aus FF XV und Kingdom Hearts vorstellen. Nur in Gut.
Dadurch, dass man als Spieler immer nur eine Person aktiv steuert und bei Bedarf switchen kann und die Tatsache, dass viele Kämpfe eine gewisse Taktik erfordern muss hier clever agiert werden. Die ersten Kämpfe sind noch tutorialmäßig aufgebaut, spätestens beim ersten Boss jedoch muss sehr konzentriert und methodisch vorgegangen werden. Ein einfaches Smashen auf den Angriffsknopf führt ebensowenig zum Erfolg wie das falsche Zauber/MP und Gegenstandsmanagement.
Und bei den Endbossen kommen die ganzen Nostalgiker komplett auf Ihre Kosten.
Die Bossmusik gepaart mit den Limits, Espern, Effekten und der allgemeinen Präsentation ist absolut bahnbrechend.
Dieses Spiel hat mein Interesse an der Next Gen, zumindest in grafischer Hinsicht, komplett vergessen gemacht.
Aber auch abseits der Kämpfe wird viel für das Auge und die Ohren geboten. Die Hauptcharaktere sehen durch die verschiedenen Grafikeffekte und Haarpsysik absolut toll, stellenweise perfekt aus. In Midgar möchte man am liebsten Urlaub machen so perfekt wurde die Stadt aus der Erinnerung getroffen. Slowdowns gibt es nicht, das Spiel läuft immer mit den 30fps. Hier und da ziehen ein paar nachladende Texturen das Gesamtbild etwas nach unten und auch einige bombastische Locations wie der Wallmarkt oder Aeriths Haus wechseln sich mit der Kanalisation oder dem Zugstellwerk ab die nichts als “wunderschön” oder brilliant daherkommen.
Ein Unterschätzter Faktor ist die Musik. Hier wird viel Nostalgie geboten und mit Moderne vermischt. Schallplatten dudeln in verschiedenen Musikgenren alte Klassiker vor sich her. Themes wie das von Aerith, Midgar oder das Bosstheme sind toll übersetzt und sobald One Winged Angel aus den Boxen ertönt ist es um den Spieler sowieso geschehen.
Gespielt habe ich das Spiel teilweise auf deutsch und englisch wobei die deutsche Sprache den Löwenanteil einnimmt. Irgendwann war mir die Übersetzung der Texte mit der Sprache zu diffus und ich wollte dann lieber alles einheitlich haben.
Auch hier wie schon bei der Musik: Alle Charaktere sind super getroffen. Aerith auch hier wieder die einsame Spitze, die anderen Charaktere kommen sehr nah dran aber eben nur fast. Die einzigen Figuren die man im deutschen etwas besser vertont hätte können wären Red XIII und Rufus. Beim ersten habe ich ab und an gedacht Cloud würde sprechen und Rufus hört sich an wie ein Kind, welches aufgeregt ins Mikro spricht.
FF VII Remake ist das geworden was ich erwartet und erhofft habe. SE hat sich mit dem nötigen Respekt an die unvorstellbare Aufgabe herangetraut einen DER Klassiker neu zu interpretieren. Das geht, wenn man kleinere Stellen außer Acht lässt, auch absolut auf.
Ständig musste ich mich dabei erwischen, grinsend der Story zu folgen, im Shinra HQ absoluten Fan Service zu bekommen, die Motorradfahrt wie damals zu verfluchen und über die Interaktion der Charaktere untereinander zu staunen.
Ob die Änderungen in Sachen Story und vor allem das Ende SE letztendlich in den nächsten Jahren zum Verhängnis werden oder ob der Traditionsentwickler gestärkt aus der Compilation hervortreten kann wird die Zeit zeigen. Es ist alles möglich, von “absoluter Reinfall” bis hin zur einer der mutigsten und besten Ideen im Bereich der Videospiele.