The Last of Us 2
Ich wollte nicht sofort, nachdem der Abspann lief, mich an mein Review zum Naughty Dog Werk The Last of Us 2 dransetzen.
Meine Gedanken wollten erstmal frei sein, sich finden. Und mit voranschreitender Zeit blitzen mal mehr, mal weniger erinnerungswürdige Szenen durch den Kopf.
Oft habe ich mich aber auch gefragt was für Antigamer das Spiel mit Wertungen von 3.5 bewerten?
Oder ob mir in Summe dieser Teil mehr gefallen hat als der Erstling welche jetzt schon gut 10 Jahre alt ist und nicht so viele Sachen anders machte.
Dementsprechend habe ich mir etwas länger Zeit mit meiner Niederschrift gelassen und möchte euch erklären wieso TLoU 2 einer der besten Exklusiv Titel für Sonys Konsole ist.
Es ist mehr als magisch und ehrfurchterregend wenn man die ersten Schritte oder Storysequenzen nach Starten des Spiels erlebt. Es geht langsam, mit einem fast gemächlichen Tempo voran. Nebenbei werden wichtige Charaktere eingeführt, das Fort in dem Joel und Ellie nun leben bekommt seine Einführung und erste Storywegpunkte bekommt Ihr als Spieler vorgesetzt.
Teil II macht einige Jahre dort weiter wo sein Vorgänger aufhörte. Wir erinnern uns: Ellie ist immun gegen die Mutationen die durch ein neuartiges Virus hervorgerufen werden und Menschen in infizierte, hirnlose Fleischfresser verwandelt. Durch die Fireflys, einer Gruppe Weltenverbesserer/Militanten, soll ein Gegengift hergestellt werden. Bei diesem Vorhaben würde Ellie ihr Leben lassen was Joel gar nicht gefällt. Kurzerhand stürmt er in den Operationssaal, tötet die Ärzte, krallt sich die bewusstlose Ellie und verschwindet kurzerhand mit Ihr. Im letzten Gespräch lügt Joel Ellie über die Fireflys an und so endet eines der großen Meisterwerke der PS3 Ära.
Es sind nun 4 Jahre vergangen. Joel und Ellie führen ein weitgehend getrenntes Leben. Zu schwer lastet Joels Lüge und Verrat an Ellies Wunsch die Menschheit zu retten.
Wie entzerrt man diese festgefahrene Situation? Man stellt dem Spieler neue Leute vor. Da wären zum einen Dina, Ellies Freundin oder Jesse, Ellies Ex-Freund mit denen schon in den ersten Spielstunden Bekanntschaft gemacht wird. Auch alte Charaktere wie Joels Bruder Tommy oder seine Frau Maria sind mit vor der Partie.
Was aber seltsam, fast wie ein Sakrileg daherkommt ist die Tatsache, dass wir Anfangs auch die Rolle einer neuen, unbekannten Blondine übernehmen. Sie ist mit einer Gruppe in den verschneiten Bergen Jacksons unterwegs und immer wieder werden wir Zeuge wie sie auf der Suche “nach jemandem” sind. Und immer mehr bekommen wir als Spieler ein mulmiges Gefühl.
Nach dem ersten Storyhöhepunkt, welcher dramatischer, spannender und perfekter nicht hätte inszeniert werden können geht das Spiel nun den weiteren Weg und verfrachtet uns nach dem Tutorial in die verlassene, fast schon tote Stadt Seattle. Hier erlebt der Spieler den Großteil des Abenteuers, knapp 25 Stunden dauert es dieses Meisterwerk durchzuspielen.
The Last of Us 2 ist schonungslos, recht brutal und lässt sowohl in den Cutscenes als auch beim Spielen ein flaues Gefühl im Magen. Nicht selten ertappte ich mich besonders in den ersten Spielstunden dabei nun eine Pause einzulegen da die Darstellung des Überlebenskampfes kombiniert mit der dichten, apokalyptischen Atmosphäre mit deren Bewohnern, der Aussichtslosigkeit einen stark mitnimmt. Nach dem Tutorial wollte ich erst gar nicht weitermachen so sehr lagen meine Nerven blank. Ich konnte es nicht fassen, was Naughty Dog da gemacht hat.
Das bewerte ich jedoch in keinster Weise negativ oder lasse mich zu “Scheiße, was für ein Dreck” hinziehen wie es ja einige im Internet tun.
Naughty Dog hatte eine Vision, ein künstlerisches Vorhaben, um Ihre Geschichte zu erzählen. Das kann man für sich selbst gut oder schlecht finden wenn Joel durch die Gruppe von Arschlöchern getötet wird und Ellie sich die ganze Tortur wehrlos ansehen muss. Auch die Ausrichtung der Charaktere mit homosexuellen Tendenzen oder im späteren Verlauf mit Transgenderfiguren kann man mögen oder nicht.
Was man dennoch kritisieren kann sind Logiklöcher und fragwürdige Entscheidungen bestimmter Charaktere.
In der Mitte des Spiels etwa macht sich eine schwangere Frau auf den Weg um Infizierten den “Ass zu kicken!” Wieso? Weil Sie keine Lust hat im behüteten Lager Ihrer Gruppe zu verweilen und Ihr langweilig ist. Häh?
Nora, ein Mitglied der Wolfs (die neue Gegenpartei von Ellie und Co. die aber auch ganz nett ist...) wird von Ellie aus der Ego Perspektive tot geprügelt. Sie sagt Ihr kein Wort wo sich Joels Mörderin versteckt hält. Wie konnte Ellie in der nächsten Szene Dina sagen, dass Nora geredet hat und sich Abby im Aquarium versteckt?
Dadurch, dass wir als Spieler nicht nur Ellie steuern sondern auch Abby kommt es hier zu neuen Sidekicks. Einer davon ist Lev, welcher sich mit Abby auf den Weg zu einer Insel macht um deren Schwester zu retten. In diesem Abschnitt hat man das Gefühl, dass Naughty Dog langsam aber sicher die Ideen ausgingen und man das Game nur künstlich strecken wollte um noch mehr Content zu bieten. Die ganze Szene auf der Insel ist Mumpitz. Hier erscheint der Boss von Abby, Häuser brennen, wichtige NPCs sterben, alles explodiert...fehlt nur noch, dass der Doom Slayer und Bahamut auftauchen würden um gegen Nathan Drake zu kämpfen.
Das ist inszenatorisch großes Kino, mehr aber auch nicht.
Ich hätte es mir nie geträumt zu sagen aber storytechnisch macht Naughty Dog hier sehr viel nicht richtig. Es fehlt diese konsequente Pace, das Gefühl ein zusammenhängendes und dichtes Abenteuer zu spielen wie es der Vorgänger getan hat.
Das Ende ist jedoch ganz gut gewählt. Hier blitzte Naughty Dogs Genialität komplett auf und es macht Nachdenklich, traurig und wütend.
Die Message vom Spiel ist ganz klar, dass Gewalt zu neuer Gewalt führt und man seine Taten nicht rückgängig machen kann. Das ich Nebenthemen wie Hoffnung oder Liebe mit dem Dampfhammer seitens der Entwickler eingetrichtert bekommen soll stört mich jedoch gewaltig. Ich brauche keine nervigen Dialoge welche die menschliche Seite zeigen, hier möchte ich meinen eigenen Interpretationsspielraum nutzen. Ich will auch nicht, dass die Millenials über Liebe, Beziehung oder anderen Quatsch reden während ich mich mit Kopfhörern eingedeckt nach Seattle begebe und die drückende Atmosphäre genieße.
Neil Duckmann wandelt hier auf den Grat zwischen supertoll und “ein Satz mit X”.
Von der Inszenierung bin und war ich geflasht. Wie schon in einigen anderen Games vermischt die Grenze zwischen reinem Gameplay und Cutscenes da es kaum Kameraschnitte gibt. Das macht für die Immersion sehr viel aus wenn ich nach einem Kampf durch einen Charakter gerettet werde, der Dialog mit kreisender Kamerafahrt inszeniert wird nur um dann sofort weiter Richtung Punkt B zu laufen. Toll.
Auch die unterschiedlichen verlassenen Straßen und Häuser, die allesamt nicht nur Beiwerk sind sondern auch meist erkunden werden können sind Genreprimus. Besonders hervorheben möchte ich einige Rätsel innerhalb der Gebiete, welche Logik und Ausprobieren voraussetzen. Mittels Flachen/Steinen werden Fenster zerbrochen, Seile werden mit cleverer Herangehensweise zu Lianen umfunktioniert nur um kurze Zeit später für den Aha Moment zu sorgen und in ein Gebiet zu kommen welches vorher unbetretbar zu sein schien.
Das dies auch so gut funktioniert ist der Spielfigur zu verdanken. Während Joel schwer und langsam sich durch die Level im Vorgänger bewegte, sind Ellie und Abby recht agil und beweglicher unterwegs. Das Durchqueren von Fenstern, Deckung nehmen, Feinde im Stealthmodus ausschalten...alles macht sehr viel Spaß.
Apropos Kampf: In TLoU 2 darf auf zwei verschiedene Arten voranschreitet werden. Entweder in bester Solid Snake Manier schleichend und mittels Ablenkung und unbemerkte Kills oder mithilfe des Waffeneinsatzes und “ab durch die Mitte”. Das der zweite Weg der schwierigere und Unspannendere ist kann nicht geleugnet werden.
Das Ausspähen der Gegner, das Verwirren dieser und kontrollierte Ausschalten von Menschen, Tieren und Infizierten ist das Sahnehäubchen des Spiels und funktioniert so gut wie seinerzeit in MGS V.
Klar ist auch, dass es manchmal too much mit dem Schleichen werden kann und der innere Blutdurst siegt und fontan alles mit Waffengewalt lösen will und es auch tut. Es kommt tatsächlich vor, dass das Leveldesign oder das Pacing von Situationen oder Gegnern einem richtig auf die Nerven gehen kann und man lieber den Rambo Weg wählt. Bei mir ist es 2 mal passiert, dass ich nicht mehr wirklich schleichen wollte. Besonders zum Ende des Spiels wollte ich mich nicht mehr verstecken.
Gecraftet werden darf auch. Das System ist quasi 1:1 vom Vorgänger übernommen. Ihr findet innerhalb der Welt Schrauben, Scheren oder andere Werkzeuge mit denen sich Medipacks, Granaten oder Verbesserungen für Waffen oder Charakterstats hinzugekauft werden können.
Auf dem Schwierigkeitsgrad “schwer”, den ich jedem empfehle, findet man gerade so genügend Werkzeuge. Auch Munition ist zwar vorhanden aber einen Weltkrieg startet man damit nicht. Schon auf dem normalen Schwierigkeitsgrad wird der Spieler mit Munition und Craftingmöglichkeiten überschwemmt. Noch dazu sind die Gegner und Bosse keine wirkliche Herausforderung in diesem Modus.
Von der technischen Seite gibt es nichts zu meckern. Während Red Dead Redemption 2 immer noch das bestaussehendste Spiel in der offenen Welt ist, ist TLoU 2 das Beste wenn es um Innenlevel oder abgeschnittene Bereiche geht. Die Vegetation sieht fantastisch aus und das HDR ist tatsächlich mal super umgesetzt. Wenn man vom dunklen Zimmer aus durch das offene Fenster sieht und quasi durch die Sonne geblendet wird macht es schon sehr viel her und lässt mich frohlocken. Die Animationen sind ebenfalls auf großartigem Niveau, die Gesichter und vor allem Mimiken mit das beste was es im Bereich Videospiele gibt.
Das alles gepaart mit der lebendigen Vegetation und starken Topografie der Welt...in Schulnoten wäre es eine 1 bzw. 14 Punkte. Der einzige Wermutstropfen sind einige Texturen, die an bestimmten Objekten nicht so toll und hochauflösend aussehen. So sehen bestimmte Kaffeemaschinen oder Teppiche neben den High Def. Schränken oder Wänden etwas deplaziert aus. Aber wie gesagt: das ist Meckern auf so hohem Niveau das ich nicht wusste ob ich es hier schreiben soll oder nicht.
Sound Technisch macht Naughty Dog keiner was vor. Von Effekten wie das Piepen bei einer besonders bedrückenden Szene hin zu Musikstücken die an der richtigen Stelle die richtige Wirkung entfalten ist alles top. Die deutschen Syncronsprecher sind allesamt überzeugend, jedoch nehme ich Ellies Situation und mentale Gebrochenheit durch das gesprochene Wort von Luisa Wietzorek nochmals mehr ab.
The Last of Us 2 will keinen Spaß machen. Es will uns die ausweglose Situation der Menschheit mit all Ihren dunklen Seiten und Gefühlen zeigen. Das klappt durch die Inszenierung hervorragend und lässt den Spieler kaum Zeit zum Nachdenken oder Überlegen. Survival Instinkte werden gefordert, Menschen müssen getötet werden um nicht selbst getötet zu werden. Und ganz nebenbei will auch noch rache geübt werden.
TLoU 2 hat sich vielleicht etwas übernommen mit den Themen die es in erzählerischer als auch in spielerischer Form zeigen möchte.
Weniger wäre mehr gewesen ist einer der häufigsten Aussagen die ich immer wieder beim Spielen mental aufgeschrieben habe.
Teil 1 bleibt weiterhin unerreicht was so Vieles angeht. Teil 2 kann hier nicht ganz auf dem Niveau mithalten was Erzählung und Charaktere angeht. Und dennoch ist es Pflichtprogramm für jeden Videospieler. Einfach auch um zu sehen wie weit unser Medium gekommen ist, wie und was es mit uns psychisch macht und vor allem wie großartig unser Hobby sein kann.