Langsam aber sicher wird meine Eivor immer müder. Vor gut 120 Stunden habe ich mit Ihr meine Beziehung auf professioneller Videospiel Ebene gestartet, begleitete Sie auf Ihrer Reise von Wut, Freundschaft und Erlösung.
Ich war ein guter Freund, habe immer zu die beste, schönste und mächtigste Ausrüstung besorgt und Sie mit Fähigkeitspunkten gefüttert wie ich es lange nicht mehr mit einem Charakter getan habe.
Ganz Mercia und Nordvege haben wir bereist und unzählige, manch einer sagt auch alle, Aufträge erfüllt und nun stehen wir hier. Ja, die Zeit war ganz schön und ein wenig geschichtliches habe ich auch mitnehmen können.
Aber nun, knapp 2 Wochen nach dem Durchspielen, erinnere ich mich an nicht mehr viel. Ich könnte nicht mehr viele Charaktere nennen die ich auf der Reise kennen gelernt habe und auch konkrete Story Ereignisse sind (unter anderem auch aufgrund der Ausrichtung) nur noch rudimentär vorhanden.
Ein typisches Ubisoft Problem möchte man meinen aber wieso sind mir ein Origins und Odyssey noch relativ gut in Erinnerung geblieben? Dieser Frage gehe ich im Folgenden auf den Grund.

Assassins Creed Valhalla spielt in der Epoche des frühen Mittelalters gegen Ende des neunten Jahrhunderts.
Es ist wieder mal schön ein AC zu spielen, welches in dieser Zeit spielt, einzig und allein der Erstling spielte in einer ähnlichen Zeit. Das Mittelalter Setting gefällt nicht jedem, ich habe die Ankündigung ebenfalls nicht gerade gefeiert.
Im Kontext mit der Wikingergeschichte macht das Setting natürlich Sinn und anders bzw. historisch korrekt wäre alles andere auch lachhaft. Da AC aber immer davon lebte große Bauten zu erklimmen und größere Städte zu erkunden wird man hier teilweise enttäuscht werden. Aber alles der Reihe nach.
Eivor ist Wikingerin mit Leib und Seele. Und wie es sich für einen guten Wikinger gehört muss auch die Welt erkunden werden. Recht früh im Spiel verlassen wir unsere schöne, kalte Heimat und segeln gen Westen um in Engla(la)nd ein neues Leben aufzubauen.
Auch wenn die Story von Valhalla einige Momente hatte und man von Mission zu Mission hechtet um die Story weiter verfolgen zu können, ist sie doch etwas schwach aus der Brust.
Das liegt zum einen an der Missionsstruktur, welche in verschiedenen “Sagen” erzählt wird.
Nach und nach verbündet sich Eivor und Ihr Clan mit den Königen verschiedener, englischer Gebiete, welche Ihr fontan zur Seite stehen. Dieser Umstand und die Tatsache selber die nächste “Sage” in Angriff nehmen zu können, macht eine lineare Geschichte schwer umsetzbar. Es erinnert ein wenig wie eine Serie die in Staffeln erzählt wird. Ähnliches hat Kojima schon in MGS V durchgesetzt.
Bei den Nebenmissionen setzt UbiSoft einige neue Akzente was zu mitunter zu mehr Abwechslung führt.
So gesellen sich neben den typischen Sammelaufgaben, von denen es wieder lächerlich viele gibt, auch Rätsel oder Geschicklichkeits Passagen. Gräber und verlassene Höhlen werden weiterhin erkundigt und legendäre Tiere dürfen, hohes Level vorausgesetzt, ebenfalls gejagt werden.
Neu sind die Nebenquests, welche passenderweise als “Weltereignisse” getauft wurden. Diese kurzen Aufträge sind in der Serie eine willkommene Abwechslung. Meist wenige Minuten lang, mit einer netten Hintergrundgeschichte versehen und öfters mal tricky was gemacht werden muss oder wo der beschriebene Gegenstand ist.
Vorwerfen kann man den Weltereignissen, dass der Anspruch fast vollkommen auf der Strecke bleibt. Aber AC spielt man sowieso nicht wegen den Nebenquests.

Seit Origins weicht der Action Adventure Anteil immer mehr dem RPG Anteil und nun haben wir auch ein umfangreiches Levelsystem erhalten, was dem Sphärobrett aus FF X ähnelt. Waffen und Rüstungsteile können verbessert und gebufft werden, für Missionen gibt es massig XP. Willkommen liebes Assassins Creed in der schönen Rollenspielwelt, die Entwicklung ist somit abgeschlossen.
Gekämpft wird entweder wikingertypisch mit Äxten und Schilden oder mit zahlreichen anderen Waffen aus verschiedensten Klassen.
Da ich ja leidenschaftlicher Souls-Zocker bin und es Katanas oder Kreissägen aus Sekiro, respektive Bloodborne nicht gibt, wurde es bei mir ein Zweihänder. Schild? Ja, aber wirklich nur gegen Ende.
Durch zahlreiche Upgrades meines Charakters friert die Zeit bei erfolgreichem Ausweichen ein oder ich konnte eine Zweitwaffe ausrüsten.
Das Kämpfen macht grundsätzlich Spaß. Das Trefferfeedback ist toll, man spürt die Substanz wenn Arme, Beine oder Köpfe abgeschlagen werden oder ganze Gruppen durch einen Schwinger der Garaus gemacht wird.
Irgendwann aber werden diese nicht nur zu leicht. Im Ernst, mir kamen 10 Gegner entgegen und ich fühlte mich wie jemand, der um sich herum von Fliegen genervt wird und diese dann weg schlagen will. Ähnlich wie Bud Spencer und Terence Hill.
Und da das Spiel länger als 80 Stunden geht ist das Fehlen gewisser Mechaniken nicht förderlich für den Spielspaß. Nach gut 5 Stunden hat man, abgesehen von einigen (überpowerten) Fähigkeiten, alles gesehen was das Kampfsystem zu bieten hat. Und das ist nicht wahnsinnig viel. Ein God of War hat sein Kampfsystem so perfektioniert, dass es auch nach 30 Stunden Spaß bringt.
Auch sonst werden AC Jünger auf Ihre Kosten kommen. Türme müssen erklommen werden was durchaus knifflig sein kann da diese sich im Feindgebiet befinden.
Gegnerische Basen können unter Zuhilfe eurer Wikinger geplündert und eingenommen werden, sogar Häuser kann/muss man in Brand setzen.
Für den Würfelspaß zwischendurch ist mit Örlög gesorgt, einem netten Zeitvertreib. Aber erwartet kein Terra Master oder Gwint.

Nun aber zum größten Pluspunkt des Spiels und es ist keine Überraschung, dass wieder die Spielewelt der große Star ist.
Zu Beginn fängt die Reise in Norwegen an was wie anfangs schon erwähnt von Schnee und Inseln beherrscht wird. Auch wenn mir Schnee in Videospielen nicht wirklich zusagt, ist die Landschaft, sowohl stilistisch als auch spielerisch sehr schön umgesetzt. Gebiete werden per Pferd oder zu Fuß überquert, es gibt genügend Höhenunterschiede, das Boot wird eingesetzt und es können zu Anfang genügend Geheimnisse gefunden werden.
Norvege fühlt sich organisch an und findet den optimalen Spagat zwischen Spaß und Realismus.
England schlägt da in dieselbe Kerbe ein.
Um ein vielfaches größer verschlingt euch die Insel ohne die absurde Größe eines Odyssey anzunehmen.
England ist gleichermaßen schön wie hässlich. Immer wieder wechselt das Szenario zwischen Sümpfen, bitteren Schneestürmen und grünen Hügeln sowie monumentalen Felsklippen.
Und auch wenn vieles, vor allem in der Mitte der Map sich ähnelt, beeindruckt mich der realistische und kompromisslose Look des Gezeigten immer wieder aufs Neue.
Aber wie gesagt: Odyssey ist nochmal eine Ecke abwechslungsreicher, fröhlicher, bunter und größer während Origins sowieso seinen ganz eigenen Charme hat an denen kein anderes AC bis auf Black Flagg herankommt.
Valhalla sieht im übrigen sehr gut aus. Das liegt zum einen an der tollen Vegetation, den scharfen Texturen, einem HDR was on Point ist und nicht zuletzt an den 60fps. Nie wieder möchte ich ein AC in 30fps spielen.
Es trüben allerdings auch Pop Ups das Bild und manche Regeneffekte sehen aus wie aus dem Jahr 2002. Bugs habe ich auch noch immer entdecken können und wie es in AC üblich ist schwanken diese von nervig bis hin zu meme-würdig.
Wenn man den Konkurrent aus dem Hause Sucker Punch dagegen hält kann man es gut vergleichen:
Ghost of Tsushima beeindruckt durch den Stil, der Technik, dem Wind und der Tatsache, dass jeder Screenshot ein Kunstwerk sein kann. Ein Valhalla verfolgt da den realistischeren Ansatz und bietet eine akkurate Darstellung des frühen Mittelalters.

Valhalla hat mir tatsächlich gut gefallen, was nach den ersten Stunden nicht so absehbar war. Ich habe sogar einen Abbruch nicht ausgeschlossen, bin aber glücklicherweise drangeblieben.
Assassins Creed ist für mich mittlerweile eine Serie wie Resident Evil.
Es kommen alle paar Jahre neue Hauptteile welche ich, aus verschiedensten Gründen, auch spielen möchte. Dabei ist es egal ob ein neuer RPG Ansatz verfolgt wird oder im Falle eines Resident Evil Village eine große Veränderung im Setting stattfindet.
Am Ende ist es für mich zu einer Pflicht die Entwickler für diese tolle Spielewelt zu würdigen und sich für mehr als 100 Stunden in die Welt zu verlieren. Auch wenn nicht alles toll und optimal durchgestylt ist, so kehrt man immer und immer wieder zurück zu seiner Serie. Parallelen in der gesamten Unterhaltungsbranche gibt es zu Genüge.
7.5/10