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Cyberpunk 2077

der spirit

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Cyberpunk 2077
Wenn man mich damals gefragt hat wie ich mir die Zukunft in Sachen Technologie, Autos und Gesamt Ausblick vorstelle, war ich nie der Typ der auf düstere Dystopien abfuhr.
Fliegende Wagen wie in Blade Runner wird es meiner Meinung nach nicht geben, Klone werden (hoffentlich) noch lange im Reagenzglas schlummern und das die komplette Welt dunkel, regnerisch und böse ist wie im zuvor zitierten Werk oder in Deus Ex kann ich mir nur schlecht vorstellen. Oder besser gesagt “will”.
Als CD Project Cyberpunk im Jahr 2015 so richtig ankündigte und kurz darauf auch die ersten Screenshots, Trailer und Beschreibungen online waren, klang es so wie ein wahrgewordener Traum. Bunt, groß, geil, verstörend, mit der Erfolgsformel eines Witcher und das vom damals aufstrebendsten Entwicklerstudio Europas.
Was soll da schon schief gehen?



Endlich, nach vielen Jahren des Wartens, des Vorbestellens und der Verschiebungen weckte mich mein Wecker an einem kalten Dezembertag um 00 Uhr. Ich wollte Cyberpunk sofort installieren und drauf losspielen, Pizza wurde in den Ofen geworfen, Cola (Zero) bereitgestellt und dann...sowas. Es klappte nicht. Ich konnte das Game nicht runterladen, geschweige denn installieren. Alles für den Arsch. Also morgen nochmal versuchen.
Am nächsten Morgen und auch an den folgenden Tagen das selbe Spiel.
Kurz gesagt: Es ist einiges mächtig schief gelaufen. Mit der Programmierung, dem Bereitstellen der Online Lizenzen und letztendlich auch, mehr oder weniger, mit dem Spiel.
Ich denke jeder hat in den letzten Monaten mindestens drei Cyberpunk Schlagzeilen erhaschen können. Bugfest, Frechheit, Alptraum…und stellenweise stimmt das. Das Spiel ist/war verbuggt und auf den PS4/XBox One Konsolen sah es nicht schön aus. Wieso aber Cyberpunk dennoch mein GotY 2020 ist und welche tollen Geschichten ich im Spiel erlebt habe, möchte ich im Folgenden klären.



In Cyberpunk nimmt Ihr die Rolle von V ein. V kann dabei männlich oder weiblich sein und nach euren eigenen Vorstellungen geformt werden. Damit geht CDPR einen etwas anderen Weg als bei Witcher, wo Hauptcharakter und seine Vergangenheit wortwörtlich schon lange niedergeschrieben sind.
Neben den Haaren, dem Gesicht oder den sichtbaren Aug`s kann fast alles verändert und angepasst werden.
Wir erleben hier ein Abenteuer, bei welchem die Geschichte aus den kreativen polnischen Köpfen entstanden ist und sich keinem Roman bedient. Das merkt man auch an vielen Stellen im weiteren Verlauf. Während man beim Hexer um nichts geringeres als die Rettung der Welt spielt, ist die Geschichte bei CP fast schon episch und auf den ersten Blick trivial. Wahlweise startet Ihr als Streetkid, Konzerner oder Outlaw nur im weiteren Verlauf den Megakonzern Arasaka das Handwerk zu legen. Eine kleine, intensive Geschichte inmitten einer Megacity welche kaum Auswirkungen auf die Metaebene hat. Untypisch für so ein großes RPG. Was auch untypisch ist, ist die Spielzeit. Nach knapp 70 Stunden war ich mitsamt Hauptgeschichte und Nebenmissionen durch.
Aber von vorne: V freundet sich, in meiner Geschichte als Streetkid, recht schnell mit Jackie an. Jackie, seinerzeit Hobbygangster und V verstehen sich von Anfang an sehr gut, werden Freunde und erfüllen die ein oder andere Mission um in Night City zur Legende zu werden.
Das hört sich auf den ersten Blick ein wenig unspektakulär an. Nach und nach saugt einen die Hauptgeschichte inkl. einiger toll geschriebenen Nebenquests förmlich in Ihren Bann. Spätestens nach dem ersten Kapitel zieht die Geschichte an, interessante Charaktere tauchen auf und das Pacing ist absolut weltklasse.
Es spielt und fühlt sich an wie eine interaktive Serie bei der man kaum aufstehen will sondern die ganze Nacht durchsuchten möchte um zu erfahren wie es weiter geht. Die Hauptgeschichte macht einen großen Reiz des Spiels aus. Bei einigen großen Storymissionen kommt letztendlich auch die Genialität der Entwickler zum Vorschein.  Ohne groß Spoilern zu wollen ist das Ende des ersten Aktes und alles “was drumherum passiert” großes Kino.
Bei den Nebenmissionen verhält es sich etwas anders. Es gibt Quests welche super geschrieben sind und man selbst ist überrascht wie toll das Gezeigte abseits dröger Verbrechensbekämpfung ist. Dann gibt es noch den Typus bei welchem die Quests nach erschreckend kurzer Zeit vorbei ist und man sich fragt ob noch wa skommt.
Eines haben aber viele Nebentätigkeiten gemein: Es fehlt der ganz einfach Anspruch bei der Bewältigung dieser. Wenn meine einzige Aufgabe besteht den NPCs zuzuhören, Dialogoptionen auswählen oder Gegenstand A zum Ziel zu bringen ist selbst die bestgeschriebenste Quest nur nettes Beiwerk.
Als bestes Beispiel sei der Auftrag von Lizzy Wizzy genannt. Lizzy ist ein komplett verchroomtes Popsternchen was Angst hat Ziel eines Anschlags zu werden. Potentieller Killer: Ihr Manager. Die Quest ist auf den ersten Blick super und spannend, krankt aber an dem spielerischen Anspruch und der Länge. Als man glaubt, dass die Mission mitsamt der Geschichte nun los geht...ist sie auch wieder vorbei.
Rollenspieltypisch erhaltet Ihr Aufträge von NPCs, der örtlichen Polizei um für diese als Subunternehmer Verbrecher zu jagen oder von sogenannten Fixern, welche als Paten der jeweiligen Bezirke fungieren.
Am Anfang war ich von der schieren Anzahl der Quests erschlagen. Hier mal ein Verbrechen geklärt, da mal für eine misstrauische Ehefrau den Detektiv gespielt und immer noch kein Fortschritt zu erkennen. Komplettisten werden Ihre wahre Freude mit CP haben, es ist nie “too much” wie in Assassins Creed aber auch nicht so leergefegt wie in Miles Morales.



In CP bekommt Ihr es mit einem ausgewogenen Mix aus Ballern, Schleichen, Nahkampf, Fernkampf, Klettern, Rätseln und Kommunizieren zu tun.
Da nun keine Schwerter oder Äxte wie im besten Mittelalter  als Waffen fungieren kommen in der Zukunft Schusswaffen, Fäuste und Klingen zum Einsatz. Viele Waffen besitzen eine Eigenart, können durch Mods verbessert werden und es macht Spaß alle mal auszuprobieren. Das Arsenal erstreckt sich auf Pistolen, Sturmgewehre, MPs, Shotguns und ganz ausgefallene Sachen wie Geschütztürme. Wahlweise schnetzelt sich V mittels Katanas oder Brecheisen seinen Weg zum Ziel.
Das Kämpfen macht Spaß, es ist äußerst befriedigend mit einem Schrotgewehr den Mob zu dezimieren während überall Körperteile rumfliegen oder mit dem Katana auf Kopfgeldjagd zu gehen. Die 1st Person Perspektive, die das komplette Spiel über anhält wenn man möchte, trägt Ihr übriges zur Immersiven Situation bei.
Aber auch für Freunde des Schleichens wird einiges geboten. Mittels Verbesserungen an eurem Körper können nicht nur passive Verteidigungs- oder Angriffsbuffs ausgerüstet werden sondern auch Hacks. Mit diesen können Überwachungskameras genutzt oder ausgeschaltet, Gegner können markiert oder Ablenkungsmanöver können genutzt werden.
Beide Wege führen letztendlich zum Erfolg. Das Schöne ist, dass euch CP die Wahl lässt wie Ihr spielen und dementsprechend aufsteigen wollt.
RPG typisch wird in verschiedene Kategorien geskillt welche durch weitere Perks nochmals ausgeweitet werden. So stellt man sich mit genügend XP einen Clint Eastwood her oder man nutzt die Punkte um komplett auf Technikgenie zu skillen.
Der große Star des Spiel ist Night City. Die Millionenstadt an der Westküste dient als großartige Kulisse um die Geschichten zu erzählen. Überall leuchten Reklamen, Lichtshows lenken von der ansich häßlichen Stadt ab und die verschiedenen Bezirke haben alle das, was vielen Locations in anderen Spielen fehlt: eine Seele.
Pacifica ist das Ergebnis fehl geplanter Stadtentwicklung und wird von Gangs bevölkert.
Japantown ist Tokyo im Taschenformat inkl. einer Amüsiermeile.
Die Badlands sind Heimat der Nomaden und stellen die Wüstenlandschaft vor den Toren der Stadt dar.
Und innerhalb dieser Gebiete sind Gebäude, Plätze und Style einzigartig. Menschen spazieren, reden, interagieren miteinander, Autos in den verschiedensten Varianten, Lautsprecherdurchsagen ertönen, das Wetter hat ein Eigenleben und und und.
Man kann stundenlang durch Night City herumschlendern und es wird nie langweilig. Durch die vertikale Bauweise entdeckt man immer wieder Neues.
Leider sind nur wenige Gebäude betretbar. Neben den Megagebäuden, welche als Wohnquartiere der Zukunft dienen sind noch einige Bars oder Hotels betretbar. Diese sind zwar toll ausmodelliert und wunderbar anzusehen, davon gibt es allerdings leider zu wenige was bei einem Open World Spiel nicht weiter verwunderlich ist.



Grafisch sieht Cyberpunk auf der PS5 sehr gut aus. Es läuft flüssig und stellenweise sind bestimmte Situationen wunderbar anzusehen. Vor allem bei Nacht und vielen Lichtquellen sind cyberpunkmäßige Panoramen und Straßen ein Augenschmaus. Wichtige NPCs sehen wunderbar aus, Innenausstattungen wie kurz vorher beschrieben, sind plastisch wie in sonst wenigen Spielen. Hier und da gibt es natürlich Bugs. Diese sind mal weniger schlimm, ab und zu hilft nur das Neuladen, und meistens ist es nur komisch wenn Passanten Michael Jacksons Moonwalk parodieren oder die Straßen von Midgets belebt sind.
Trotzdem, wegen der ganzen Stadt, ist es absolut beeindruckend wie mächtig und monumental diese City wirkt.
Die Musik passt sich der Situation an, Technosound trifft Rock trifft es am Besten. Was nicht so toll ist: die Soundabmischung ist nicht vollends überzeugend und wirkt eher wie ein Low Budget Werk. Dafür ist die Sprachausgabe auf einem hohen Level. Fast alle Sprecher machen (auf deutsch) einen herausragenden Job.
Cyberpunk 2077 ist ein Außnahmespiel. Es wirkt auf den ersten Blick so, dass sich CDPR etwas übernommen hat. Viele Bugs sind zu erkennen, die Base Konsolen Versionen laufen nicht zufriedenstellend und man fragt sich ernsthaft wie das Game ausgesehen hätte, wenn es im April 2020 released geworden wäre.
Abseits von diesen Problemen ist die Geschichte von V ein erzählerischer Leckerbissen der nur ganz selten alle paar Jahre erscheint. Night City saugt einen auf und lässt erst los wenn man entweder den Controller aufladen muss oder das gespielte verarbeiten muss.
In allen wichtigen Stellen des Spiels wird ersichtlich wie groß, gewaltig und atemberaubend das Epos ist.
90%

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« Letzte Änderung: März 09, 2021, 10:12:41 Nachmittag von docower »