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Atari 5200... wie ein quasi sicherer Erfolg zum Totalflopp mutiert

Gast · 2 · 2287

southflorida

  • Gast
Im Herbst 1982 hat das Atari VCS einen bis dato einzigartigen Siegeszug hinter sich. Nach wenigen Spielen in den ersten Jahren hat es Superseller gegeben und nun stehen neben Activision, Imagic und Parker auch viele kleine Firmen bereit, Spiele für das Ding zu veröffentlichen.

Gleichzeitig stagniert die Technik, "Stella" wurde eben Mitte der 1970er Jahre entwickelt und ist bereits fünf Jahre auf dem Markt. Ursprünglich für "verschiedene Pong-Spielevarianten und etwas mehr" gedacht, war eigentlich schon für 1979/80 eine neue Hardware angedacht, die schließlich in Form der Atari 400 und 800 Computer verbaut wurde. Die Konsole war dann letztlich wohl zu erfolgreich, um sie schon 1980 zu beerben.

Doch 1982 sieht es anders aus: es gibt inzw. Konkurrenten mit stärkerer Hardware: das Intellivision befeuert mit den besseren Sportspielen den ersten größeren Konsolenkrieg und das Colecovision bringt zeitgenössische Spielautomaten fast 1:1 auf den heimischen TV. Und Vectrex wirkt ultramodern gegen den alten Atari Stuff.

gewährt einen netten Einblick: die geniale Werbung zum Atari 5200
https://youtu.be/aeGBf5lnhhY

Als Atari im Herbst 1982 das Atari 5200 auf den Markt bringt, ist es ähnlich wie jetzt mit PS4 und PS5... das alte System ist unangefochten Marktführer, und das neue "Super System" wird es wohl ablösen. Und um gleich mal die Konkurrenten abzustrafen, ändert Atari mal eben die Joystick Buchse und verhindert auch Adapter... 1982 gibt es nämlich für Intellivision und Colecovision Adapter, die auch alle 2600er-Spiele auf diesen Konsolen ermöglichen.

Zum Launch steht ein halbes Dutzend Spiele parat, doch den ersten Fehler begeht Atari mit dem beigepackten BREAKOUT... das Spiel stammt von 1980 und ist marginal verbessert auf dem neuen Teil. So überzeugt man Kunden nicht von der Stärke einer Hardware! Man stelle sich vor, für die PS5 käme KNACK1 als Starttitel. Oder fürs Mega Drive hätte man das Master System HANG ON beigelegt...
Auf dem gerade veröffentlichten Colecovision gibt es hingegen DONKEY KONG, welches für zuhause damals am heimischen TV schlicht die Sensation ist. Somit lief das Colecovision vom Start weg besser.

Der zweite dicke Fail ist der eigentlich zukunfstweisende Joystick: von jemanden entwickelt, der noch nie Videospiele gespielt hat (!) ist das Ding zwar analog und damit ein guter Schritt in die Zukunft... allerdings zentriert das Ding sich nicht, was die meisten Spiele zur Qual macht. Hat man sich an den Joystick gewöhnt, ist er meist auch schon kaputt. Und alle alten Joysticks, die mit Atari, Commodore und später auch Sega funktionieren, kann man am 5200 nicht anschließen. Dabei hat die Konsole vier Buchsen zum Zocken.
Viel später (1993 oder so) hat Atari übrigens Sega verklagt, weil die ja auch diese 9-polige "Standardbuchse" für Master System und Mega Drive nutzten.

1983 ändert sich manches zum Besseren fürs 5200: es kommen gute Umsetzungen z.B. von MS. PACMAN, POLE POSITION, DONKEY KONG, PITFALL, ZAXXON, DIG DUG usw.
Hier kann das 5200 glänzen mit gutem Soundchip ("Pokey") und der recht leistungsfähigen Grafik, wenn auch das Colecovision etwas stärker scheint. Dafür gibt es auf Colecos Hardware weniger originale Spielhallen-Umsetzungen, Atari hat insg. die etwas glücklichere Hand bei Lizenzen. Man ist ja auch Marktführer.
Atari bringt nun auch einen eigenen Adapter für die alten 2600er Spiele (das 2600 ist immer noch das am meisten genutzte System), allerdings ist der fast so teuer wie die Konsole selbst.
Doch Videospiele allgemein befinden sich 1983 im freien Fall... Die in viel zu hoher Auflage schnell auf den Markt geworfenen PACMAN und E.T. leiteten den Niedergang schon 1982 ein, doch das Hauptproblem 1983 erweist sich in nunmehr zig Firmen (viel zu viele), die kruden Müll auf den Markt bringen, der inzw. wie Blei in den Regalen liegt. Zudem sind 1983 mit C64, VC20 und Atari 400/800 gute Heimcomputer am Markt.
Gute Spielefirmen wie Activision oder Imagic werden ihre zumeist hochwertigen Titel nicht los, Kaufhäuser verramschen die einst teuren Spiele für Kleingeld, Imagic geht pleite, Activision überlebt gerade so, weil sie bereits auf Heimcomputer setzten.

In Richtung 1984 will Atari Fehler gut machen: ein von vorneherein abwärtskompatibles System mit normalen Joystickports wird extern entwickelt, der Atari 7800. Statt exorbitant groß lieber "schlank, simpel, und für alle"... Atari stellt das System im Mai 1984 vor, zur Zeit der Olympischen Spiele in Los Angeles (dessen Hauptsponsor Atari ist, so groß ist Atari noch) will man ganz groß in den Markt eintreten. Doch es ist zu spät... der Videospielmarkt ist am Ende, Atari quasi ruiniert... Jack Tramiel kauft den gecrashten Konzern, will aber nur noch Computer bauen. Böse Zungen munkeln, er habe Atari nur deshalb gekauft, um sich an seiner alten Firma Commodore zu rächen, wo er zuvor gegangen worden war.
Aufs Brutalste liquidiert Tramiel übrigens auch die sehr erfolgreiche Branch von Atari in Deutschland. Darüber erzählt auf vielen Seiten diese sehr lesenswerte Story:

https://www.videospielgeschichten.de/erinnerungen-von-klaus-ollmann/
(ist "Teil 3" eine der Seiten der Erinnerungen... schaut auch in die anderen Seiten rein... EXTREM lesenswert)

Tramiel sägte mit der Konsolensparte damals knallhart das ab, was aus seiner Sicht nichts bringen würde... (Tragödie der Atari Corp. unter Tramiel war am Rande, dass sie nach einigen sehr erfolgreichen Computern sich später NUR noch auf Konsole konzentrierten, und schliesslich mit dem Jaguar in Raten verreckten... )
Doch Mitte der 1980er gibt es tatsächlich für Ataris Konsolensparte auch vor allem das Problem, dass das 7800 extern entwickelt und in den Wirren des Crashs schlichtweg nicht bezahlt wurde. Vielversprechend sieht ein Launch Mitte der 1980er zudem nicht aus, Videospiele scheinen tot...

Das 5200 wird jedenfalls allemal eingestampft (und kommt in Europa erst gar nicht auf den Markt), Atari Corp. unter Tramiel entwickelt mit Hochdruck den 16-Bit-Computer Atari ST... das 7800 wird 1986 auf den Markt gebracht, aber nicht, um im großen Stil auf Videospiele zu setzen, sondern als "Nebenprodukt" mit minimalem Aufwand, um etwas vom durch Nintendo und Sega wieder wachsenden Markt abzubekommen... und damit vor allem die Computerprojekte zu finanzieren. Atari geht sogar in den PC-Markt.
Die letzten 5200 hingegen werden um 1985/86 in den Ramschregalen Nordamerikas verscherbelt, als letztes Spiel kommt 1986 GREMLINS. Selbst der alte Atari 2600 überlebt im Billigsegment seinen Nachfolger um etliche Jahre, bis etwa 1990 erscheinen regulär neue Spiele.

Was bleibt vom 5200: eine Konsole, die seinerzeit einige wirklich gute Arcade-Umsetungen hatte, rund 70 Spiele, katastrophale Joysticks, und einige wegweisende Ideen.
« Letzte Änderung: September 22, 2020, 08:20:19 Nachmittag von southflorida »