Als lebe man nur unter Vorbehalt(Hermann Stresau)
Tagebuch aus den Kriegsjahren 1939-45. Hermann Stresau ist Intellektueller, schreibt für Zeitungen Romane. Er liest viel, vergleicht Zeitungsmeldungen mit dem was er anderswo mitbekommt und liest bei der Verlogenheit der Presse sehr schnell "zwischen den Zeilen", weil er die Dinge nicht glaubt.
Er erlebt den Zweiten Weltkrieg, anfangs noch mit viel Muße, genügend Freizeit. Im Verlauf merkt man Anspannung und Stress. 60 Stunden Zwangsarbeit (in der Fabrik) die Woche schließlich als "Dienst am Volk" (eigentlich ist er Autor), ständiger Luftalarm, Sorge um Angehörige, ein Gestapo-Verhör wegen einer Nichtigkeit, gen Kriegsende nur noch Chaos.
Stresau "nimmt es mit", wie verlogen die Medien sind. Und wie erschreckend die Gesellschaft immer widerlicher wird, wie Menschen im Grunde dem Abschaum zugeneigt sind. Er sieht ja beileibe nicht einmal alles an Ungeheuerlichem, was in diesem nationalsozialistischem Staat geschieht (die Medien schreiben ja nicht allzu viel über Schattenseiten), aber stellt immer häufiger fest, wie erbärmlich es ist. Schämt sich für sein Land, schämt sich für die Menschheit.
In vielen Worten trifft er 100% meine Meinung zu den heutigen Medien (manchmal der gleiche Wortlaut, ohne dass ich ihm was nachgeplappert hätte, hab das Buch jetzt erst seit einigen Tagen), ebenso wie seine Feststellung, dass viele Leute recht erbärmlich gestrickt sind, wenn es ums bereitwillige Hinterherrennen vorgefertigter Meinungen geht. Leider manche Erkenntnis aktueller denn je, auch wenn natürlich qualitativ damals manches noch einmal ganz andere Dimensionen hatte.
Das Buch zeigt eine private Situation während Nazizeit und Krieg. Und ein schönes Randdetail: er hat für fast jeden Tag das Wetter mit beschrieben, er ist offenbar sehr interessiert daran (wie ich). Die legendär harten Winter 1939/40 und 1941/42 finden gut Niederschlag im Buch.
