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Final Fantasy XVI

der spirit

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Ich muss zugeben, dass Final Fantasy 16 bei mir keinen so großen Hype wie die vorherigen Teile generieren konnte.
Das liegt natürlich zum einen daran, dass sich Square Enix gefühlt mehr auf das Remake vom siebten Teil konzentriert als auch dass die restlichen FFs in der jüngeren Vergangenheit sich immer in eine Richtung entwickelt haben, die mir als Fan der zweiten Stunde (angefangen mit Final Fantasy ) nicht zu 100% gefallen hat.

Final Fantasy 15 trug natürlich noch den Namen Final Fantasy in sich, war allerdings von dem Kampfgameplay sowie den RPG-Anteilen im Gesamteindruck weitaus weniger Final Fantasy als zB Final Fantasy 13.
Final Fantasy 13 war seinerzeit ebenfalls viel weniger Final Fantasy als der 12. Teil.
Das ganze kann man natürlich so fortsetzen, bis man irgendwann mal zu Final Fantasy 10 ankommt, dem letzten richtigen, klassischen Final Fantasy.

Ich versuche in diesem Review wenig Vergleiche zu den alten Teilen zu ziehen - FF XVI kann und sollte als eigenes Werk angesehen werden. Ich denke sogar, dass dieses Werk einen Ausblick gibt, was wir in Zukunft von der Main Reihe erwarten können und wo die Reise hingeht. Vor allem im Kontext zu den Teilen 12 - 15.

Aber der Reihe nach.
Ein Aufschrei der Freude ging nicht nur mir durch die Haut, als Square Enix den ersten Trailer zum Spiel zeigte. Das Setting hat sehr wenig mit den SiFi Settings gemixt mit Mittelalter und J-Pop der vorangegangenen Teile zu tun.
Jetzt sind wir im düsteren, dreckigen und vor allem brutalen Mittelalter angekommen. Dies kombiniert mit Magiekristallen und Espern die gottähnlich dargestellt werden scheint doch ein garant für eine tolle Spielwelt zu sein in der wir uns begeistert umherbewegen, oder?
Ja! Das Königreich Valisthea ist auf den ersten Blick ein Setting, wie man es sich nur wünschen könnte. Dörfer im besten Mittelaltersetting, dunkle Wälder, weite Felder, eine Wüste und pompöse Städte und gar Königreiche machen schon verdammt viel her.
Immer wieder wird man erinnert wie schön und toll die Zeit war, wo kein Smartphone störte, Wege gefährlich sind und Moraste am besten vermieden werden sollten.
Mitten in dieser Welt, welche durch 5 verschiedene Königreiche in bester Game of Thrones Manier eingenommen und überrannt werden will, steckt unser Hauptcharakter Clive Rosfield.
Clive musste in Teenager Zeiten mitbekommen, wie sein jüngerer Bruder Joshua, seines Zeichen durch Phoenix auserkoren, dessen Kraft zu nutzen, getötet wird. Was das ganze noch verzwickter macht: Als Phoenix wurde Joshua von einem anderen Feueresper in einem langen und spektakulären Kampf der Garaus gemacht. Wieso und weshalb sich Ifrit als Gegenspieler zeigte und welche Pläne Clives Mutter hat und wer letztlich für den Verrat am Königshof zur Rechenschaft gezogen werden kann, das ist die Prämisse für Clives Rachefeldzug.
Der Prolog in welchem sich die oberen Punkte abspielen gehört mit zum Beeindruckendsten was im RPG Genre aufgefahren wird und hier zeigt FF XVI welche Muskeln es bis zum Ende des Spiels anspannt und auch nutzt.
Der Kampf zwischen den beiden Esper ist wahnsinnig intensiv, spannend und fährt Effekte auf welche gut und gerne dem adjektiv “verschwenderisch” zugeteilt werden können.
Selten wurden Kolosse so toll und spektakulär in Szene gesetzt, noch nie sahen ifrit und Phoenix besser aus und in keinem anderen FF war das Gezeigte beeindruckender. Hier lässt die PS 5 tatsächlich Ihre Muskeln spielen.
Aber zurück zur Geschichte: Clive will natürlich seinen Bruder rächen, schließt sich auf der Reise verschiedenen Söldnern und Rebellen an und gerät in Konflikte mit weiteren Parteien. Die Königreiche stehen wie schon erwähnt im Krieg miteinander, Führer, Prinzen und Hauptmänner dieser Königreiche sind zumeist auch Domini und tragen die Macht von Espern in sich. Das führt zwangsläufig zu weiteren Godzilla vs Kong Momenten, welche gefühlt immer spektakulärer und länger werden.
Dadurch, dass Clive ein nachvollziehbaren Grund hat in den Kampf zu gehen, seine Gefolgschaft mal mehr mal weniger Verluste hinnehmen muss und Clive als Charakter hervorragend funktioniert, wären alle Prämissen erfüllt und hier ein story technisches Brett zu präsentieren.
Dies erfüllt Square Enix nur zu einem kleinen Teil.
So gut der Prolog und die Charakterzeichnungen zu Beginn sind, so schnell verlaufen alle guten Ideen und Möglichkeiten im Sande.
Ab dem letzten Drittel geht es nicht mehr um die Konflikte zwischen den Königreichen, auch nicht um die Plage, welche sich in der Welt verteilt und frappierend an Covid gepaart mit dem Klimawandelgespenst erinnert.
Charaktere werden zwar gut eingeführt, aber nicht interessant gestaltet. Die Könige und Führer anderer Königreiche sind bis auf eine Ausnahme alle farblos und verfolgen immer das gleiche Ziel: Verrat und Eindringen in feindliche Gebiete.   
Das Spiel hat letzten Endes nicht den Mut, die Geschichte so zu erzählen, wie man es erwartet hätte. Wieso kommt eine Gottheit als allumfassender Bösewicht daher? Wieso werden Frauen weiterhin so wenig Beachtung geschenkt und dienen nur dazu den Hauptcharakter stärker zu machen? Das dies anders geht zeigen auch Spiele in der eigenen Serie, FF VI und FF IX als positive Beispiele seien hier genannt.
Stark angefangen, jedoch sehr schnell abgebaut.



Mit einem klassischen RPG hat FF XVI nicht mehr viel zu tun.
Das Kampfsystem könnte aus einem Devil May Cry stammen. Es gibt einen Sprung Knopf (!), eine Möglichkeit mit dem Schwert anzugreifen und Clive kann natürlich, wie für ein Action RPG üblich, ausweichen. Wo sind wir hier gelandet?
Hauptaugenmerk des KS sind jedoch die Fähigkeiten, welche durch die gekoppelten Espern genutzt werden, kombiniert werden können und durch Cooldowns strategisch eingesetzt werden sollten.
Da gibt es zB die Esper Garuda, welche mit ihren Moves die Gegner aus dem Gleichgewicht bringen kann um schneller den Breakdown zu erzwingen.
Bahamut konzentriert sich auf Flächenangriffe, Titan nutzt pure Kraft und Shiva friert Gegner ein.
Diese Moves lassen sich durch XP verbessern, wie viel man in die Moves jedoch investiert, ist komplett egal. Einen großen Impact hat dies nicht.
Im Grunde hämmert man auf den Angriffknopf, weicht für einen Zeitlupeneffekt aus bei welchem das Fenster sehr großzügig ausfällt und wartet auf die aufgeladenen Special Moves. Viel Anspruch ist da leider nicht dabei.
Bei den Esperkämpfen kommen wieder QTE aus der Versenkung, eingebettet in Beat em Up typische Monsterkämpfe.
Spektakulär sicherlich, jedoch ist auch hier der Anspruch so niedrig angesetzt, dass man sich fragen muss ob Square Enix uns alteingesessenen Spielern nicht mehr zutraut.
Apropos Leveln: Mit jeder Stufe wertet Clive seine Attribute automatisch auf. Fähigkeiten werden ebenfalls durch gewonnene Kämpfe und dem Abschließen von Sidequests auf die nächste Stufe gehoben. Witzlos ist die Tatsache, dass alle Punkte jederzeit neu verteilt werden können.
Eine RPG mäßige Ausrichtung auf einen Spielstil ist nur theoretisch möglich. Man kann sich nicht verskillen, “Fehler” werden geschwind ausgebessert.
Ein Loot System existiert nicht. Alles was man findet ist zum Großteil nutzlos, Waffenverbesserungen oder gar Waffen und Rüstungsteile werden beim Schmied im Vorbeigehen gecraftet. Man orientiert sich nur an den Werten und sollten mal Materialien fehlen, werden diese entweder gekauft oder eben später gefunden. So richtig Spaß macht dies nicht da sich die Verbesserungen sehr stark in Grenzen halten.
Statuseffekte bei Clive: Fehlanzeige oder eben nicht wirklich spürbar. Gift oder Verbrennungen? Zu umfangreich sagt Square Enix.
Die Sidequests sind vernachlässigbar und wahrlich nicht spannend bis auf zwei Ausnahmen bei denen auch auf die Missstände der Bewohner und der Ausgestoßenen eingegangen wird. Sonst sind diese niedere Rollenspielkost.
Was mir etwas Spaß gemacht hat, ist die Monsterjagd die ich auch zu 100% abgeschlossen habe. Mobs gehen eben immer.



Technisch ist FF XVI eine Wucht. Die eben angesprochenen Esper sind grandios, Bugs oder Clipping Fehler gibt es nicht. Alles läuft so, wie westliche Spiele nach dutzenden Patches.
Die Spielewelt sieht sehr schön aus, verschiedene Locations machen einiges her, obwohl wir uns im Großen und Ganzen in einer mittelalterlich angehauchten Welt befinden.
Gesteuert wird Clive mitsamt Anhang durch eine semi Open World. Das Ganze sind verschiedene Gebiete, die mehr oder weniger zusammenhängend sind und mal große, mal kleinere Abschnitte beinhalten. Ein Ausblick auf FF VII Rebirth.
Die Ladezeiten sind sehr kurz, zwischen einzelnen Teleports vergehen nur 4 Sekunden bis man wieder Hand anlegen kann.
Ich habe FF XVI auf deutsch gespielt. Die Sprachausgabe ist bei fast allen Charakteren top. Die Musik ist Standardkost. Gewisse Stücke haben so etwas wie Ohrwurmcharakter, müssen sich aber eingängigen Tracks aus der FF Vergangenheit geschlagen geben. Um ehrlich zu sein, ich könnte heute nicht mal mehr ein Stück erkennen, bis vielleicht auf das Battle Theme.

FF XVI ist kein schlechtes Spiel, es zeigt Square Enix Zukunftsvision der Reihe. Vorbei sind wohl die Zeiten einer spannenden Story, tiefen Charakteren und Tiefgang in Sachen Charakterentwicklung und Kampfsystem.
Auf der anderen Seite überragt die Optik sowie die Spielwelt, welche endlich den Spieler mal wieder etwas Neues präsentiert und ohne Roboter, Technologie und Luftschiffe daherkommt.
Problematisch wird es nur, wenn man sich dem Rollenspiel immer weiter entfernt, wenig Anspruch reingemixt  und zu wenig Mut bei der Geschichte beweist.
Meine erste große Enttäuschung 2023.

6/10
« Letzte Änderung: Juli 24, 2023, 11:35:35 Nachmittag von der spirit »


southflorida

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Vielen Dank für das Review. :)
Ich denke, ich werde dann beim Final Fantasy 7 Remake Part 2 nochmal zugreifen. Ansonsten muss man vorsichtig sein: zu oft ist in FF nicht mehr wirklich FF drin.
Hab bei der Serie gnadenlos gute Spiele erlebt, aber halt auch grandiose Enttäuschungen. FFXV war schon zum gähnen.


der spirit

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Okay, ich fand FF XV bedeutend besser als diesen Teil hier  :)


Clorell

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Rein geschichtlich und von den Charakteren, die ich auch endlich mal wieder sympathisch finde, hat mir das Spiel sehr gut gefallen. Ist zwar so von der Spielmechanik recht einfach gestrickt, aber das störte mich jetzt nicht sonderlich. Ist tatsächlich für mich zusammen mit Teil VI, VII und X das beste Final Fantasy.

Man kann jetzt natürlich auch einige Sachen kritisieren, die mir auch nicht so gefallen, aber insgesamt hatte ich doch viel Spaß damit. Für meine Frau und mich war es jedenfalls keine Enttäuschung. Ganz im Gegenteil.
Möge die Macht mit Dir sein.


southflorida

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Hab zuletzt FFVII Remake sehr gut gefunden (bis auf die grottigen letzten zwei, drei Spielstunden).
Aber wenn ich sehe, wie sehr mich dagegen Tales of Arise fasziniert und begeistert hat... Das sind Welten. Wenn FFVII Remake ein guter 80er ist, wäre ToA bei mir wohl ein guter 90er.



wraith

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